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Eva betritt den Speisesaal des Hotels. Weiches Licht verwischt die Konturen. Sie blickt über Silberleuchter und Gestecke aus pastellgelben Teerosen hinweg. Bleibt in versteinerten Gesichtern hängen. Alexandre kommt auf sie zu: "Bonsoir, Madam", sagt er. Und dann noch einen Satz, den sie nicht versteht. Er schiebt ihr den Stuhl zurecht. Sie wendet den Kopf. Ihr Dankesblick geht ins Leere. Alexandre führt bereits andere Gäste zu ihrem Tisch. Die leisen Walzerklänge aus den Lautsprechern legen sich mühe­los über das Stimmengemurmel. Ab und zu klirrt Glas oder Porzellan. Eva entfaltet die Leinenserviette und breitet sie auf dem Schoß aus. Der Saum des engen Sommerkleides rutscht herauf. Kühler Chintz berührt die Haut. Alexandre serviert die Suppe - wie jeden Abend. Spargelcreme heute. Kresseblättchen schwimmen in der Mitte. Sie starrt auf seine Hände. Wenn er mehrere Teller zugleich trägt, zeigen sich kräftige Sehnen auf dem Handrücken. "Dein ist mein ganzes Herz" singt ein Tenor mit viel Schmelz. Durch das schmallippige Schweigen der alten Ehepaare pressen sich einzelne, für Eva fremde Wörter. Wenn ich ihn einfach anspreche? Ihm ein Kompliment mache? Mir eine Bar empfehlen lasse? Oder sein Lieblingslokal? Ihn dort treffe? Wie absichtslos. Es geht nicht. Wir sprechen keine gemeinsame Sprache. Der Geruch frischen Weißbrots vermischt sich mit dem Duft der Rosen. Die Dame mit den Silberlocken am Nach­bartisch winkt Alexandre heran. Sie legt ihm eine faltige Hand mit rotgelackten Fingernägeln auf den Arm und redet beschwörend auf ihn ein. Kurze Zeit später bringt er ihr einen Teller mit Salat, der im Menü nicht vorgesehen ist. Ein Träger von Evas Kleid rutscht von der Schulter. Gerade als Alexandre ihr gerollte Seezungenfilets mit Reis serviert. Sie schiebt den schmalen Stoffstreifen betont nachlässig zurück. Alexandre schenkt Weißwein ein. Den Körper leicht vorgebeugt, den linken Arm auf dem Rücken. Eva schaut zu ihm empor. Versucht, graublaue Augen im schmalen Gesicht zu treffen. Entdeckt ein paar Sommer­sprossen auf seiner Nase. Sagt lächelnd: "Danke". Er wünscht mit routinierter Freundlichkeit "Bon appétit" und wendet sich ab. In den großen Wandspiegeln kann man die Kellner unauffällig beobachten. Mit katzenhafter Eleganz bewegen sie sich zwischen den Tischen, Tabletts und Silber­platten sicher wie Artisten balancierend. Alle tragen gut­geschnittene schwarze Anzüge. Sie wirken wie Ballettänzer inmitten eines Publikums aus Wachsfiguren. Die jüngeren Kellner haben weiße, die älteren schwarze Fliegen umge­bunden. Alexandre trägt eine weiße. Durch die Schwingtür quillt unterdrücktes Gekicher. Alexandre kehrt aus der Küche in den Saal zurück. Es scheint, als streiche er sich zusammen mit einer widerspenstigen Haarsträhne die letzten Spuren von Lausbubenlachen aus dem Gesicht. Wie alt er wohl ist? Höchstens achtzehn. Ob er zu denen gehört, die sich kaufen lassen? Wieviel müßte ich zahlen für eine Nacht? An den Nachbartischen klirren Goldarmbänder. Perlenketten kaschieren welke Dekolletés. Geigen hauchen "Je t'aime" in ertaubende Ohren. Alexandre stellt einen neuen Teller vor Eva hin: Zwischen gebratenen Entenbrustscheiben leuchten ein Orangenschnitz und eine hellrote Johannisbeerrispe. Im Glas schimmert Burgunder. Vielleicht ist Essen tatsächlich die Erotik des Alters. Ich könnte mir etwas aufs Zimmer bestellen. Ihn im rosa Seidennegligé empfangen. Mich lässig auf dem Bett räkelnd. Und wenn statt Alexandre ein Kollege kommt? Vielleicht der dicke Maurice mit den fettigen Haaren und dem Siegelring am kleinen Finger? Und außerdem - ich habe doch überhaupt kein Negligé. Groschenromanfantasie! Eva schreckt auf. Alexandre beugt sich zu ihr herab: "Dessert, Madame?" "Ja", flüstert sie und dreht dabei graues Haar spielerisch zu Locken. Und wenn ich ihm ganz zufällig begegne? Er allein. Ich allein. In den Dünen, hinten, am Ende der Promenade, des Nachts ...

"Wollen wir gehen?" fragt der Mann ihr gegenüber. Ihr Ehemann. Seit zwanzig Jahren. Eva nickt. Sie legt die Serviette auf den Dessertteller. Mit den Lippenstiftspuren nach unten. Beide stehen auf, schieben ihre Stühle zurück an den Tisch, verlassen gemeinsam den Speisesaal und gehen auf ihr Zimmer.


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